Freitag, 8. Juni 2012

Venustransit am 06.06.2012 – reif für die Insel

Zum letzten Mal in unserem Leben wollten wir, das waren mehrere Leute aus der GvA Hamburg, einen Venustransit erleben. Aufgrund der Stellung der Erdbahn gegenüber der Venusbahn kommt es nur sehr selten zu einem Durchgang des Planeten vor der Sonne: Zweimal innerhalb von 8 Jahren, entweder im Juni oder im Dezember, danach ist entweder 105 oder 122 Jahre lang Pause. Aus diesem Grunde konnte man beispielsweise im 20. Jahrhundert gar keinen Transit beobachten.

Zum Glück haben wir es anders: Nachdem ich den 2004er Durchgang in der Nähe von Hildesheim beobachten konnte – wo uns die ortsansässige Bevölkerung noch mit Kuchenpaletten versorgte, weil wir sie durch die Fernrohre haben blicken lassen, wurde uns die Entscheidung, wo wir das 2012er-Ereignis beobachten konnten. Im Gegensatz zu 2004 war dieses Mal nur die Endphase und nicht der vollständige Transit zu beobachten.

Viel entscheidender aber war die Wettersituation und selbst am 5. Juni war noch immer nicht klar, wo es denn klar sein würde, weil von Westen ein kompaktes Tiefdruckgebiet heranzog. Die Frage war, wann dieses vor Ort sein würde. Auf den Mailinglisten wurde spekuliert, evtl. nach Rügen, Usedom oder Polen auszuweichen, es schlug sogar jemand vor, bis an die polnisch-weißrussische Grenze zu fahren.

André Wulff und ich hatten uns irgendwann auf die Ostküste der Insel Fehmarn festgelegt, weil das Wetter dort doch sehr eigen ist, wir aber in den Wetterberichten der Tage vorher immer mitbekamen, dass dort die meisten Sonnenscheinstunden verzeichnet wurden. Überdies gab es mehrere Quellen im Internet, über die sich die Entwicklung leicht per Handy verfolgen ließ.

Da der Sonnenaufgang auf der Insel um 4:48 Uhr MESZ erfolgen sollte, überlegten wir, ob wir nun morgens ganz früh losfahren sollten, oder am Abend vorher. Wir entschieden uns für letzteres, nachdem sich mit Klaus-Peter Daub, Michael Steen, Christian Harder und Ulrich Rieth uns angeschlossen hatten. Ulrich hatte vorher noch einen Parkplatz in der Nähe von Marienleuchte ausgemacht und die Koordinaten per Mail mitgeteilt. So kam es, dass außer uns noch weitere GvA-Mitglieder sowie Sternfreunde aus dem Süden auf der Insel auftauchten. Doch vorher traf sich die „Fehmarn-Gruppe“ auf dem Rastplatz Buddikate, von da aus ging es gemeinsam auf die Insel.

Nach einem kleinen Fahrmurph auf der Insel kamen wir kurz nach Mitternacht am Parkplatz an. Hier standen schon drei Wohnmobile, aber sie gehörten nicht zu den Astronomieinteressierten. Wir parkten die Fahrzeuge so, dass die Heckklappen in Richtung Ostsee zeigten und wir so bequem aus dem Auto heraus alles aufbauen konnten. Einige bauten zu dieser Stunde schon mal ihre Kameras auf und machen erste Testaufnahmen. Beeindruckend waren die vielen Lichter auf der Ostsee, die nachts auch nicht mehr vollständig dunkel wird und durch die blinkenden Warnlichter der Offshore-Windkraftanlagen erhellt wird.

Da es noch gut vier Stunden bis zum Sonnenaufgang dauerte, beschlossen wir, in den Autos ein wenig zu schlafen, was aber nur leidlich funktionierte. Ein paarmal – gerade als man wieder im leichten Schlummer versunken war - rief Hartwig Lüthen an, um die aktuelle Wolkenbewegung auf der Insel zu erfragen. Zwischendurch sahen wir noch einen Überflug der ISS (die Uhrzeit weiß ich nicht mehr, da ich irgendwann durch einen Anruf geweckt wurde, mich im undefinierten Zustand zwischen gediegenem Halbschlaf und Wachsein befand und dann nach draußen geschaut hatte).

Kurz nach drei waren aber alle wieder wach und wir bauten in aller Ruhe unsere Instrumente auf. Ich hatte sowohl meinen 80/400er Refraktor dabei (den sich André auslieh), als auch mein 80/520 mm-Quadruplet, an das ich meine Canon 1100 D hängte. Danach hieß es warten, nach dem vermeintlichen Aufgangspunkt der Sonne Ausschau halten und die blinkenden Lichter der Windkraftanlagen zu beobachten.

Inzwischen hatten sich auch die anderen Vereinskollegen endlich mal entschlossen, wohin sie fahren wollten; sogar aus Heidelberg kamen Sternfreunde angereist und bezogen nahe der neuen Seebrücke in Heiligenhafen zusammen mit den nachgereisten Kollegen aus Hamburg ihren Standort.

Schließlich war es soweit: Zum vorhergesagten Zeitpunkt zeigte sich erst eine Aufhellung an der Unterkante einiger Wolken, dann folgte die deformierte Oberkante der Sonne, stieg höher und mit einem Mal war ein fetter dunkler Punkt zu sehen: die Venus vor der Sonne! Langsam stieg die aufgrund der Refraktion stark verformte Sonne höher (auch die Venus war mal quaderförmig, dann zweigeteilt, oval, insgesamt also sehr variabel in der Form) und bot einen fantastischen Anblick mit der Venus vor ihrer Scheibe. Sie durchwanderte Cirrus- und andere Bewölkung und konnte gerade am Anfang sehr bequem ohne Sonnenfilter fotografiert werden. Das ergab schöne Aufnahmen mit am Horizont vorbeifahrenden Schiffen vor der Sonne und mit der Venus als dicken, fetten, schwarzen, runden Fleck, bedeutend größer, als alle gerade sichtbaren Sonnenflecken!

Auch die Natur erwachte. Seit den frühen Morgenstunden nervten uns die Geräusche eines nahen Kuckucks – oder waren es mehr? - so sehr, dass wir schon Pläne machten, wie wir ihn zu einer schmackhaften Mahlzeit verarbeiten konnten. Auch verbale Drohungen und Beschimpfungen als „Hilfsgeier“ halfen da wenig.

Und als die Sonne höher stieg und man sie nicht mehr ohne Filter fotografieren konnte, zog mehrmals eine ausgesprochen geruchsintensive Güllewolke über uns hinweg, die dermaßen stank, dass wir schon ABC-Alarm ausrufen lassen wollten. Das war deutlich mehr, als ein bis zum Rand gefülltes Dixie-Klo herzugeben vermochte …

Die Zeit verging relativ schnell, bis sich die Venus dem Sonnenrand annäherte. Mit dem Wetter hatten wir unheimliches Glück, denn die aus Südwesten heranrückende Wolkenfront blieb in Höhe des nach Westen wandernden Mondes stehen. Nur Richtung Nordost - und somit der Sonne zugewandt - zogen mehr oder weniger dünne Wolkenschichten parallel zu unserem Standort vorbei.

Mit zunehmender Höhe stieß die Sonne dann aber in die Cirrusbewölkung vor und es zogen häufiger dünne Wolkenschichten an ihr vorüber. Und während Venus kurz davor war, den Rand zu berühren, bildete sich in der Tat das Tröpfchenphänomen. Dieses entsteht entweder bei zu schlechten Optiken oder schlechten Beobachtungsbedingungen. Man kann das auch anhand eines Experimentes selber nachprüfen, indem man Daumen und Zeigefinger so dicht vor das Auge hält, dass beide unscharf werden. Kurz vor der gegenseitigen Berührung bildet sich ein kleiner Steg: es liegt an der Unschärfe, der nicht klaren Trennung von Daumen und Zeigefinger. Und genauso ist es beim Tröpfchenphänomen. Doch hier war die Sachlage klar, die Cirren sorgten für eine starke Kontrastverminderung, sodass sich dieser scheinbare Effekt herausbildete.

Wir fotografierten den Vorübergang, bis nichts mehr von der Venus zu sehen war. Venustransit und untere Konjunktion waren vorüber, danach würde der zweitinnerste Planet wieder Morgenstern sein. Auch hier konnte man beobachten, dass der Transit im H-Alpha visuell noch zu verfolgen war, als man im Weißlicht schon längst nichts mehr gesehen hat.

Nun fiel schnell die innere Spannung von uns ab und wir freuten uns, dass wir dieses seltene Ereignis doch noch weitgehend beobachten konnten. Der ganze Aufwand, die lange Fahrt, die unbequeme Übernachtung, der Stress (und der Jetlag an den folgenden Tagen) waren mit einem Mal vergessen. Wir waren nur noch froh, dass wir alles gesehen hatten.

Inzwischen erwachte auch einer der ersten Bewohner eines der Wohnmobile und war scheinbar vollkommen unberührt von dem, was um ihn herum vor sich ging.

Die meisten von uns waren sich einig, dass wir den Transit mit einem gemeinsamen Frühstück beenden wollten. Zunächst hatten wir überlegt, irgendwo auf Fehmarn einzukehren, doch Hartwig und Konni meinten, dass es schöner wäre, wenn beide Gruppen gemeinsam frühstücken würden. So vereinbarten wir ein Treffen auf der ersten Raststätte auf dem Festland – es war der Parkplatz Neustädter Bucht. Während sich schon die „Gruppe Heiligenhafen“ gestärkt hatte, kam verspätet auch die „Gruppe Fehmarn“ hinzu. Wir tauschten unsere Erlebnisse und Erfahrungen aus (die man in diesem Leben nie mehr wird gebrauchen können). Danach löste sich die „Gemeinschaft der Transitbeobachter“ auf und jeder ging seines Weges.

Die Rückfahrt auf der A 1 gestaltete sich dann aufgrund eines Staus kurz hinter Reinfeld dann doch noch sehr nervig, weil wir dadurch etwa eine Stunde verloren. Gegen 11:30 Uhr kam ich dann endlich bei mir zu Hause an und ich ging dann erst mal ins Bett. Um 17:05 Uhr wurde ich wieder wach und um 17:10 Uhr rief André an, weil wir noch zur Bergedorfer Sternwarte fahren wollten. Nach einer Fast-Food-Mahlzeit bei einer Kette mit großem Buchstaben, wo wir die Bilder für einen Kurzvortrag zusammenstellten, ging es dann zur Sternwarte. Hier gab es einen Fachvortrag über die Geschichte der Venustransite. Im Anschluss daran berichtete André über unsere heutige Tour. Einen Tag später gab es beim Videoworkshop der GvA in Hamburg-Neu Allermöhe eine wahre Bilderflut mit vielen Ergebnissen von vielen Standorten. Dabei zeigte sich, dass man den Transit auch gut von Hamburg aus hätte beobachten können. Hier war das Wetter, entgegen aller Vorhersagen, doch ein wenig besser gewesen und man konnte unterschiedliche Phasen des Vorübergangs beobachten.

Der letzte Venustransit in unser aller Leben war beinahe spannender, als das Ereignis von 2004, weil man gerade bei Sonnenaufgang sehr viele interessante Phänomene bobachten konnte. Und es bewahrheitete sich mal wieder, dass man auch trotz widriger Umstände und ungünstiger Vorhersagen einfach Risiken eingehen muss. Am Ende wird man dann doch irgendwie belohnt.

Kommentare:

  1. Sehr schön beschrieben...wohl schon im Stecki-Format eingetütet?

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  2. Sehr schöner Bericht. Ähnlich empfand ich es auf Amrum - wenn auch als Einzelkämpfer, aber mit Familienfrühstück danach.

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